Donnerstag, 22. Oktober, 21.00 Uhr Ortszeit beginnt die Fahrt an den Start. Von Boucan-Canot bis nach St. Phillippe unserem Startort sind es ca. 50 Kilometer. Wir kommen auf der Autobahn so gut vorwärts, dass wir erwägen einen Kaffeestopp einzulegen. Nach St. Pierre beginnt es zu regnen. Da es ja noch lange bis zum Start ging konnte mich dieser Regen nicht aus der Ruhe bringen. Hoffend auf ein Regenende begannen wir uns vor St. Phillippe in die Autoschlange zu reihen. Vor dem Stadion am Cap Méchant angekommen, müssen wir zuerst in strömendem Regen um das Stadion laufen um an die Gepäckkontrollen zu gelangen. Felix als alter Trailhase und ich nehmen es sehr gelassen, beim Kram aus- und wieder einpacken. Lampen, Batterien, Wäsche, Pfeife, Ersthilfeset, Schutzfolie und Verpflegung ist alles vorhanden. Nach der Eingangskontrolle reicht es uns noch für einen heissen Kaffee im Startbereich. Jetzt sind auch Jonas + Christian Biland eingetroffen. Auch ihnen eilt es nicht bei so miesen Laufbedingungen. Noch 10 Minuten harren wir bei strömendem Regen aus. Wenigsten ist es nicht kalt. Die letzten Sekunden werden gezählt und schon öffnet sich ein kleines Tor, durch welches 2694 Teilnehmer zwängen. Zuerst geht es noch durch St. Phillippe. Nach wenigen Schritten sind meine Schuhe völlig durchnässt.
Erst ca. 5 Minuten sind gelaufen und schon fällt meine Stirnlampe aus. Zu allem Übel reisst der obere Rucksackriemen. Schnell gehe ich zur Seite in ein Rohbaugebäude unter Dach und fische mir eine neue Stirnlampe aus dem Gepäck. Das fängt ja gut an, geht es mir durch den Kopf. Nach ca. 6 - 7 Minuten reihe ich mich wieder in den nassen und zähflüssigen Strom von Trailern. Inzwischen ist der Regen so stark angestiegen, dass das Wasser aus den Zuckerplantagen auf unseren Feldweg strömt. Wir tappen teilweise bis zu den Waden im Wasser. Noch nie bin ich in solch intensivem Regen
gejogt.
Nach ca. einer Stunde biegen wir in einen Waldweg ein. Hier steht das Wasser weit über die Knöchel. Soll ich am Rande im Morast laufen? Nein, die Mitte ziehe ich vor und so steht das Wasser bis zu den Waden. Mir läuft es ausgezeichnet. Immer weiter hoch führt uns der Waldweg und immer wohler fühle ich mich. Nach der Verpflegung Mare Lonque Camphriers bei Kilometer 11,1 und 792 Höhenmeter weiss ich, jetzt beginnt der steile Anstieg Richtung Vulkan. Innerhalb von 5,1 Kilometern steigen wir von 685 auf 2084 Meter über Meer. Dieser Teil wird in Einerkolonne absolviert. Es ist dunkel und nur die Frösche spornen uns an. Die Stimmung unter den Teilnehmern ist ruhig weil jeder mit sich beschäftigt ist. Nur die Lichter der Stirnlampen tanzen gespenstig am Boden entlang. Es geht ruckartig hoch, was ich sehr schätze. Es gibt Teilnehmer welche bereits bei diesem Abschnitt überfordert sind und Pausen einlegen müssen.
Auf Grund der Bodenbeschaffenheit ist der nahe Vulkanrand nicht mehr weit und so wird noch schnell ein Blick zurückgeworfen. Weit unten liegt St. Phillippe immer noch im orangen Schlaflicht. Unser Startpunkt liegt gerade mal 17 Meter über Meer und nach vier Stunden sind bereits ca. 23 Kilometer mit 2300 Höhenmetern überwunden. Auf der Route du Volcan welch 7,2 Kilometer lang ist kann nichts erkannt werden. In der Dunkelheit ist auf dem losen Lavagestein volle Konzentration gefordert. Dieses Geröll ist wegen seiner Scharfkanntigkeit bei Stürzen äusserst gefürchtet.
Um 06.18 erreiche ich den Verpflegungsposten Le Volcan – Plaine des Sables. Bald schon brennt die Sonne unerbittlich auf die Verrückten als ob das Gelände nicht schon genug Schwierigkeiten hergeben würde. Schnell trocknen die nassen Kleider wieder, so fühle ich mich pudelwohl. Nach Überwindung einer weiteren Steilwand erreiche ich gutgelaunt um ca. 09.06 Uhr Mare à Boue auf 1594 Meter. Ein Militärlager der französischen Armee ausgezeichnet organisiert. Hier essen viele Teilnehmer was sie runterkriegen. Mich stossen solche Menüs ab, da mein Magen nicht viel erträgt. Diese Gegend liebe ich ganz besonders sie gleicht unserem Juragebiet. Zwischen Stacheldraht und weidenden Kühen mühen wir uns mit Zaunübergängen ab. Dieses Jahr blieb mir dieser Abschnitt als nie endendes auf und ab in Erinnerung. Der Abschnitt von Mare à Boue nach Gite du Piton des Neiges mit nur gerade 12 Kilometern machte mir in 2.40 Stunden in unwegsamem Gebiet viel Mühe. Der Abstieg nach Silaos ohne Regen war hingegen wieder bedeutend angenehmer als letztes Jahr. Meine Schuhe lassen mich nicht im Stich. Noch ohne jede Blase war in Silaos in der Verpflegung Sockenwechsel angesagt.
Nach knapp ¾ Stunden Aufenthalt mit Auffüllung meiner Speicher ging’s munter weiter Richtung Schlucht und Taibit. Beim Taibitübergang war der Tag aus, dafür regnete es in Strömen. Meine Verfassung war zu diesem Zeitpunkt so ausgezeichnet, dass Marla im Mafatekessel nur so vorbeiflog.
In Marla begegneten mir wiederum Vater und Sohn Biland. Sie bereiten sich auch für die Nacht vor. Ein Stück des Weges in der Dunkelheit liefen wir zusammen. So gegen 20.00 Uhr kam in mir langsam eine Krise auf und so übernahm mich die Nacht alleine. Nur quakende Frösche, welche in dieser lauen Stockfinsternis ihr Mund offen hatten zeigten an, es gibt noch mehr Nachtschwärmer. Hier braucht niemand Angst vor Tieren zu haben. Es gibt sie auf dieser Insel nicht.
Erst kurz vor Trois Roches, bei Kilometer 89 ist die Verpflegung wahrnehmbar. Es ist Freitag um 21.24 Uhr und nur ganz wenige Personen an diesem Verpflegungsposten. Diese Felsplatte ist mir sehr bekannt mit der sog. Klamm. Hier stürzt das Wasser in eine enge Schlucht. Die Situation ist hier sehr gespenstig und nur das Wasser unterbricht die Nachtstille. Etwas abseits gibt es einige Touristen welche noch ein Lagerfeuer unterhalten. Holz zum verbrennen ist in dieser Gegend kein Problem. Der Flussübergang ist mit Leuchtstäben ausgeleuchtet, das Seil über den Fluss erleichtert den Übergang. Die Überquerung hier gelingt mit trockenen Füssen. Einige Meter Flussabseits versank mein rechter Schuh im Sumpf. Dies gehört natürlich zu einem solch abenteuerlichen Trail.
Richtung Roche Plate sind es nur gerade 6 Kilometer. Diese haben es in sich. Es geht wiederum extrem über felsige und steinige Trails in die Höhe, um dann wiederum auf 1110 Meter abzusteigen. Jetzt beginnt die erste Schwäche. Das Tempo musste reduziert werden. An der Verpflegung Roche Plate wollte mein Magen nicht mehr mit mir zusammenarbeiten. Jetzt galt es die Krise gut zu überstehen. Gerade wo es in eine tiefe Schlucht geht und volle Konzentration gefragt ist, ereilt mich eine Krise. In diesem Moment glaubte ich in die Hölle zu steigen. Endlos ist die Lichterkette welche in die Tiefe führt. Der Abstieg ist so steil, dass in der Nacht nur ein vorsichtiges Vorwärtskommen angesagt ist, will man keine Verletzung oder Sturz einhandeln. Aus diesem Grunde ist in der Schlucht ein Sanitätsposten eingerichtet. Dieser hat einige Blachen auf einem flachen Felsen ausgelegt. Schaue gegen den Himmel und erkenne nur Lampen und Sterne. Das macht mich müde, es zieht mich auf den Boden. Diese Unterlage soll mir für 1,20 Stunden zum Schlafen reichen. Die Verabschiedung vom Trailgeschehen geht sehr schnell. Nicht einmal das lärmige Notstromaggregat stört
jetzt.
In schweren und langsamen Schritten geht es den Steilhang hoch. Zirka um 4.30 Uhr beginnen im Tal zum Grand Place aus allen Richtungen die Güggel zu krähen. So dachte ich mir, die Güggel stehen dieses Jahr vor den Vögeln auf. Das ganze Tal scheint voller Güggel und Hühner zu sein. Kein Wunder, es gibt ja im Mafate fast nur Huhn zu den Mahlzeiten.
In Grand Place bei Kilometer 103 erreichte die Krise ihren Höhepunkt. So musste nach der Entleerung eine Magentablette wieder für Ruhe sorgen. Gegen 07.00 Uhr war wieder einmal eine tiefe Schlucht erreicht mit einem idyllischen Bach. Dieser war so einladend, dass ich kurz entschlossen ein Bad nahm. Das Wasser war angenehm frisch, aber nicht kalt. Dieses Bad wirkte Wunder. Sauber und mit frischem Leibchen ging es Richtung Aurère zu. Dieses Teilstück ist einer der schönsten und vielseitigsten Rennabschnitte. Unser Weg führt uns durch idyllische Schluchten, durch parkähnliche Plantagen und aussichtsreiche Trailwege. So vielfältig ist hier die Pflanzenwelt, so üppig die Blumenpracht, so verträumt der Ort. Richtung Aurère erfreute uns laute einheimische Musik. Das ganze Tal wurde beschallt und sicher mancher Teilnehmer erfreute sich an dieser fröhlichen Musik. Gerne hätte ich länger dieser zugehört.
Nach halsbrecherischem Abstieg wird der Fluss Riviere des Galets erreicht. Ein Fluss welcher heute sehr zahm aussieht, jedoch ein gewaltiges Flussbett sein eigen nennt. Es war auf diesem Flussbett enorm heiss. Die vielen verschiedenen runden Steine strahlten die Wärme wie ein Ofen ab. Das Wasser hat mich so stark angezogen, dass ein kühler Schwumm nicht fehlen durfte. Eine Abkühlung kann auch jetzt nicht schaden, bevor die 800 Meter hohe Steilwand nach Dos d’Ane erklommen werden muss. Kurzerhand bin ich ohne Socken in die Schuhe gestiegen für die restlichen 26 Kilometer.
Im Militärlager Deux Bras waren die Militärpersonen sehr hilfreich beim Wassereinfüllen. Nach zwei Jogurtdrinks welche mir sehr gut taten, werden noch vier im Rucksack verstaut. Am Berg haben sie mir gute Dienste geleistet. Hier wo fast schon Klettereigenschaften gefragt sind, sind uns die Einheimischen mit ihrer Leichtigkeit überlegen. Die laufen mit einer unglaublichen Energie diese unmögliche Steilwand hoch. Zudem kommen Hitze und die Schwüle dazu.
In d’Ane Stade haben mich hübsche junge Damen in ihre Fittiche genommen. Etwas massieren und verwöhnen lassen muss ja auch zu so einem Lauf gehören. Irgendetwas muss mich gestochen haben. Plötzlich fühlte ich mich stark wie ein Pferd. Der Endspurt hat begonnen. Mein Tempo hat sich so verschärft, dass Läufer um Läufer nur zuschauen konnten beim Überholen. Hier auf dem Grat welcher teilweise nur 5 – 10 Meter breit ist, fühlten sich meine Beine richtig wohl. Im Naturschutzgebiet konnten schöne Aussichtspunkte nicht wirklich genossen werden, weil jetzt schon wieder Nebel aufkam und bald Regen einsetzte. Dies kann meine schnellen Beine nicht beeinflussen und das Tempo bleibt hoch. Dieses Teilstück ist äusserst perfide weil es im Prinzip abwärts geht, jedoch dauernd wieder Gegensteigungen zu bewältigen gilt.
Auf dem Colorado die letzte Verpflegung, nach unzähligen Steigungen, Wurzeltrails und rutschigem Boden, konnte ich meine Frau anrufen. Meine Familie war bereits im Zielraum und erwartete mich ungeduldig. Nebenbei habe ich meiner Frau erklärt, eine solche „Tortour“ käme für mich nicht mehr in Frage. Meine Affekthandlung bereute ich im Ziel dann bereits wieder.
Mein Glaube den Schlussabstieg in ca. 20 – 30 Minuten zu schaffen, war eine grosse Enttäuschung. Bis ins Ziel blieb nichts erspart. Der Abstieg gestaltete sich dermassen schwierig, sodass die Uhr unaufhaltsam die letzten Minuten anrechnete. Nach einer Stunde eines unmöglichen Abstiegs mit grossen Steinen, Felsen, Bachbett konnte ich nach 42 Stunden 1,52 Minuten glücklich und müde meine Familie begrüssen. Ohne nennenswerte körperliche Probleme wurde der Rest der Ferien genossen. Von den 2694 gestarteten Teilnehmer/innen ergab meine Zeit eine Platzierung von 535. Mein Kollege Felix Staub erreichte das Ziel mit viel Schlafunterbrüchen in 55.30.24 Stunden, im Rang 1182. Meine langen Begleiter Christian und Jonas sind ein fantastisches Rennen gelaufen. Sie kamen in 39. Stunden 02.04 Minuten, 334 Platz, resp. 38 Stunden, 59.29 Minuten, Rang 332 an. Sie liefen ein gleichmässiges super Rennen.
Dieser Lauf hat noch lange positive Nachhaltigkeit. Er wird nach Möglichkeit nächstes Jahr wieder auf meinem Laufkalender stehen.